Zugfahren – ein Erlebnis

In diesem Blog sind ausnahmsweise keine Fotos. Lasst eurer Fantasie freien Lauf.

Guten Morgen, um sechs Uhr stehen wir auf um auf keinen Fall den Zug nach Chumphon um acht Uhr zu verpassen, den wir von zuhause aus schon gebucht hatten. Das ist sehr früh nachdem wir uns nur drei Tage versucht hatten an die sechs Stunden verschobene Zeit zu gewöhnen, vor allem für unseren kleinen Morgenmuffel.

Zugfahren in Thailand ist für uns sehr spannend. Können wir das Gepäck bei uns haben oder wird es irgendwo zusammen mit anderem Gepäck verstaut? Müssen wir Angst haben dass uns Sachen geklaut werden? Gibt es Verpflegung unterwegs? Sicher ist sicher, dachten wir uns und haben reichlich Schlösser für die Taschen gekauft und uns mit Snacks und Getränken eingedeckt, die Zugfahrt soll immerhin sechs Stunden dauern.

Gut, wir sind lange vor Abfahrt am Bahnhof und haben das richtige Gleis gefunden. Es gibt sogar elektronische Anzeigen. Vor unserem Zug fährt ein völlig überfüllter sehr langer Zug ab, na das sind ja Aussichten. Sehr erstaunt sind wir als danach drei selbstfahrende Wagons auf das Gleis fahren. Das soll unser Zug sein? Der Richtige Zielort ist angeschrieben, wir fragen aber zur Sicherheit trotzdem nach. Und es ist tatsächlich der Richtige. Wir steigen höflich als letzte ein, schliesslich haben wir reservierte Sitzplätze, die wir auch gleich finden. Das Gepäck hat auch bei uns Platz. Die Mitreisenden sehen geschäftig, gelangweilt oder sehr müde aus. Wir sehen Thais, Chinesen, Europäer, aber alle sind eher gut gekleidet, die meisten haben teure Smartphones in der Hand und ebensolche Kopfhörer auf. Wir reisen sogar im klimatisierten Wagen. Das sieht doch alles sehr gut aus.

Wir sinken in unsere Sitze, die Lehnen lassen sich nach hinten kippen und an den Vordersitz sind Klapptische. Als etwas später eine Zugbegleiterin ein Wägelchen vor sich her schiebend uns gut gekühlte Getränke anbietet bin ich vollends überzeugt dass wir eigentlich in einem Flugzeug sind.

Kurze Zeit später serviert Sie uns Essen, passend, in Portionsschälchen verschweisster Reis und zwei weitere zugeschweisste Tütchen, auf denen wir nur anhand der Bilder erraten können was drin ist. Das eine ist irgendetwas mit Hähnchen, das andere eine Fischsosse. Mutig drücke ich meine Hähnchenpackung auf den Reis aus und gebe reichlich von der Fischsosse dazu. Aus dem Augenwinkel beobachte ich die Thailänderin neben mir. Sie lässt das essen zurück gehen. Hm, kein gutes Zeichen. Naja vielleicht fastet Sie ja, oder ist das essen vielleicht doch nicht geniessbar? Egal, es ist schliesslich schon fast elf Uhr und ich hab Hunger. Nach drei bis vier Löffeln wird es mir langsam klar. Oder besser gesagt warm. Ich fange an zu schwitzen und hechle wie ein Hund mit schwarzem Fell in Bangkok, der keinen Schatten findet. Das Essen hat keinen besonderen Geschmack, dafür ist es um so schärfer. Und die eisgekühlt Cola brennt es schön noch tiefer in meine Zunge. Barbara grinst verschmitzt und reicht mir fragend ihre noch geschlossene Tüte Hähnchen rüber: „Falls Du noch Hunger hast.“ Ellie unterbricht das Malen, schaut zu mir und fragt: „Papi, warum schwitzt Du so fest mit dem Gesicht? Es ist doch so kalt hier drin. Wir haben alle unsere Pullies an.“

Der grosse Papi wollte die Kultur erleben, eintauchen, alles mitmachen was da kommt um zu zeigen dass es in einem anderen Land nur anders ist und nicht schlechter als zuhause, wollte Vorbild sein. Und vor allem für das eigene Ego, wenn das jemandem schmeckt probiere ich es auch und versuche es zu geniessen, ausserdem ist da ja noch der Anstand einen Teller aufzuessen. Ja ja, nun sitze ich da und zwinge unter verschiedenen Atemtechniken und vielen Pausen meinen Reis mit Sch*** runter. Dann ziehe ich meinen Pullover aus um das Hecheln zu vertuschen, den werde ich wohl erstmal nicht mehr brauchen. Kurz darauf schlafe ich ein. Ob das nun vorbildlich war? Wohl eher nicht, vielleicht hätte es genügt zu probieren und dann auf meine inneren sich verkrampfenden Organe zu hören. Aber es ist zu spät.

Übrig bleibt ein elendes Häufchen Papi, verrenkt im Sitz schlafend, schwitzend und vor allem ohne Sea-Shepherd Pulli.

Na dann Gut-Nacht-um-Sechs!

Bis zum nächsten Blog, euer Felix.

Ein Kommentar zu “Zugfahren – ein Erlebnis

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